Wie holen wir uns das Stadionerlebnis zurück?

Am Wochenende kommen die Fans in die Bundesliga zurück

von Prof. Dr. Harald Lange

Ende der Woche startet die Bundesliga in die neue Saison und es gibt eine überaus zuversichtlich stimmende Rahmenbedingung: Nach fast einem Jahr „Geisterspiele“ dürfen nächste Woche auch wieder Zuschauer in die Stadien der Bundesliga. Die Auslastung ist zunächst auf 50% der Stadionkapazität begrenzt und bei 25.000 Zuschauern im Maximum gedeckelt. Macht nichts, denn allen Beteiligten ist nach den Erfahrungen der zurückliegenden 16 Monate klar: Das Herzstück des Fußballs – das Publikum – ist wieder zurück und leibhaftig dabei. Deshalb ist Hoffnung auf die Rückgewinnung des Stadionerlebnis bei den verantwortlichen Fußballmanagern riesengroß.
Allerdings ist uns allen klar: Ein Selbstläufer wird das nicht!

Die euphorische Erwartungshaltung der Clubs wird in den Fanszenen nicht geteilt. Dafür wirkt die Enttäuschung der zurückliegenden Monate immer noch viel zu sehr nach. Im Zuge der Pandemie wurden die Schwachstellen des professionellen Fußballs schonungslos offengelegt. Neben dem Heimvorteil ist auch die Glaubwürdigkeit des Systems verloren gegangen. Spielergehälter, Ablösesummen, das Verzehren von Goldsteaks und andere protzige Eskapaden und Gewohnheiten in diesem Zirkus haben bereits zu Beginn der Pandemie einen neuen Begriff in die Fußballsprache gebracht: Den Aufruf zu mehr Demut.

Wie so vieles zuvor war auch diese Forderung nicht mehr als eine Nebelkerze. Christian Seifert, der mächtige DFL-Geschäftsführer, hat immer wieder markante Begriffe und Sätze ins Spiel gebracht, die geeignet gewesen wären, eine Neuausrichtung des Profifußballs auf den Weg zu bringen. Seine Forderung nach der Deckelung der Spielergehälter, einer schärferen Kontrolle der Spielerberater oder die Mäßigung im Wettlauf um zu zahlende Ablösesummen waren letztlich nicht mehr als leere Worthülsen. Auch die so genannte Taskforce Profifußball war nicht mehr als ein PR gesteuertes Ablenkungsmanöver. Die vagen Ergebnisse der durch die DFL Chefetage moderierten Arbeit führten zu keiner einzigen verbindlichen Reform und verstauben bereits heute im Archiv.

Nichts desto trotz lebt der Fußball von Zuversicht und Vielfalt. Viele Clubs machen es besser als der DFB mit seiner Nationalmannschaft. Dort hat der zügellose Kommerz tatsächlich dazu geführt, dass sich Fans und EM-Zuschauer millionenfach abgewendet haben. Auch in der Bundesliga deutet vieles auf das Anhalten der Kritik und Abwendung der Fans hin. Ein Ausverkauf der vergleichsweise geringen Ticketkontingente ist nicht zu erwarten und die aktiven Fanszenen sind nur teilweise bereit mit ihrem Support zurück zu kehren.

Ein absolutes Alarmsignal, das auch von den Sponsoren des Fußballs wahrgenommen wird. Die werden in den kommenden Monaten ganz genau hinschauen und fragen wie die verantwortlichen Manager die Glaubwürdigkeit gegenüber Fans und Konsumenten wieder herstellen. Die Rezepte von gestern taugen da zweifelsohne nicht mehr. Wir müssen uns wieder viel mehr an den Ideen und Werten des Sports orientieren und dem zügellosen Kommerz die Rote Karte zeigen. Eine wahrhaft gigantische Herausforderung für ein Fußballland, das noch nicht einmal in der Lage war eine konkurrenzfähige Mannschaft zu den Olympischen Spielen zu entsenden.

Quelle:
Zuerst erschienen als Gastkommentar in der Fuldaer Zeitung vom 07.08. 2021